zerreissprobe.

Die Nerven sind zum Zerreissen gespannt, der Druck liegt schwer auf uns und auch wenn ein Licht am Ende des Tunnels zu erkennen ist, vermögen wir dieses von Zeit zu Zeit nur wenig wahrzunehmen.

Hochmut kommt vor dem Fall und so stehe ich heute da und muss zugeben, dass ich mich gründlich geirrt habe. Ich bin davon ausgegangen, dass ich unbegrenzte Kräfte besitze und dass ich dem Trennungsschmerz, den eine Fernbeziehung unweigerlich immer wieder mit sich bringt, erhaben bin. Ich war seinerzeit sogar so forsch, davon auszugehen, dass es mir keinerlei Probleme bereiten würde, Dich lediglich alle zwei bis drei Wochen zu sehen. Weit gefehlt.

Die Zeit hat mich eines besseren belehrt und das nicht gerade auf die sanfte Tour.

Seit nunmehr gut fünf Monaten lebe ich in zwei Welten. Pendle jeden Freitag und Sonntag zwischen den Orten, die mein Leben prägen. Es fühlt sich mit jeder Woche unnatürlicher an. Ich lebe von Wochenende zu Wochenende und zähle die Tage und Stunden, bis ich endlich wieder bei Dir, in unserem Zuhause sein kann.

Meine eigentliche Wohn- und Wirkungsstätte wird nur noch stiefmütterlich behandelt und beinah täglich verflucht. Ist sie doch vermeintlich Schuld daran, dass ich nicht bei Dir sein kann und fünf Tage die Woche ohne Dich einschlafen muss.

Bis ich Dich traf, war ich davon überzeugt, dass mein Leben hier in der Schweiz perfekt ist. Und das ist es ja auch. Irgendwie. Ich habe eine kleine Wohnung, die ich stets mein Zuhause nannte. Wunderbare Freunde, die mich stützen und fordern. Menschen, die mich umgeben und das Beste aus mir herausholen. Einen Job, der mehr als nur Arbeit ist und mich erfüllt. Ein Land, das so unendlich viel zu bieten hat, dass kaum Wünsche offen bleiben. Aber eben…kaum.

Denn inzwischen weiß ich, dass es neben einem schönen und gemütlichen Zuhause, einer tollen Umgebung, den besten Freunden auf der Welt und einem phantastischen Job, noch etwas anderes gibt und dieses andere bist Du und die damit verbundene Liebe.

Du hast mich diese Liebe neu zu entdecken gelehrt. Alles, was ich zu wissen glaubte, wurde durch unsere gemeinsame Erfahrung negiert und ich war gezwungen, alles neu zu erlernen und zu erfahren.

Mit Dir wurde meine kleine, beschauliche Welt auf den Kopf gestellt und ich lernte auch mich noch einmal neu kennen. Entdeckte verborgene Seiten, ungeahnte Talente und auch erhebliche Defizite an mir.

Du hast nie etwas beschönigt, warst schonungslos ehrlich und hast mir standhaft den Spiegel vorgehalten. Du hast mir meine Prinzessinnenkrone vom Kopf genommen und uns auf eine Stufe gestellt. Du hast mir nichts versprochen und mir nie etwas vorgemacht.

Wo andere angesichts ihrer eigenen Verliebtheit dazu neigen, Dinge weicher zu zeichnen und weniger rational und klar zu sein, warst Du genau das: klar, offen, direkt.

Dass das immer schön gewesen ist, kann ich nicht behaupten. Aber lehrreich. Das ist es noch. Jeden Tag aufs Neue.

Vielleicht ist es gerade diese frappierende Unterschiedlichkeit von uns beiden, die mich spüren und ahnen lässt, dass genau das die richtige Konstellation für unser beider Leben ist.

Habe ich die Eigenschaften der Frau, die ich mir an meine Seite gewünscht habe, auch stets vollkommen anders beschrieben, so bist doch am Ende nur Du diejenige welche. Die Eine.

Du bist so anders, so besonders und vor allem, so wenig formbar. Du lässt Dich nicht manipulieren und nicht von Deinem Weg abbringen.

Du bist gewissenhaft und stark. Du trittst für Deine Überzeugungen ein und denkst eher praktisch als romantisch.

Wenn ich die ganze Woche über vor mich hin zetere, dass ich vor Sehnsucht fast eingehe, sagst Du mir, dass wir unserem Ziel mit jedem Tag, der verstreicht, näher kommen.

Du siehst die Dinge, wie sie wirklich sind und ich male mir Bilder davon, wie es sein könnte. Das unterscheidet uns und führt immer wieder zu Reibereien, welche sehr lehrreich sein können oder eben auch erschöpfend.

Man nennt mich wortgewandt und ich scheine auch immer die treffenden Worte zu finden. Manchmal treffen sie den Punkt, ein anderes Mal den Menschen. Letzteres ist furchtbar und ich wünschte mir in so manchem Augenblick, Deine Ruhe und Zurückhaltung und weniger Impulsivität.

Hin und wieder scheint es angebracht zu sein, erst den Verstand zu befragen bevor man das Herz sprechen lässt.

Die letzten fünf Monate haben uns beiden viel abverlangt.

Da ist der Umstand, dass wir öfter getrennt als zusammen sind. Die Schatten der Vergangenheit, die sich bedrohlich über uns aufbauten. Der alltägliche Druck und Stress aus Arbeit und Privatleben. Die immer wiederkehrenden Trennungen und die Sehnsucht.

Am Ende haben wir alle Probleme meisterhaft überstanden. Wir sind keinem einzigen ausgewichen, haben keines umschifft. Wir haben unsere Gesichter dem Sturm entgegen gehalten und den Erschütterungen getrotzt.

Warum wir keinen Schaden genommen und gestärkt aus alledem hervorgegangen sind?

Weil wir uns die ganze Zeit an den Händen gehalten und einander vertraut haben.

Von Perfektion kann nicht die Rede sein und das ein oder andere Mal wollen wir einander sicher auch aus dem Fenster halten. Manchmal ist der Alltagsstress und das Bedürfnis nach Nähe eben nicht in Einklang zu bringen. Manchmal muss man einfach hinnehmen, dass die Dinge jetzt so und nicht anders sind.

Nicht immer muss alles ausdiskutiert werden. Nicht immer kann man einer Meinung sein und nicht immer wird man sich auf eine gemeinsame Farbe für die Wand im Flur einigen.

Aber genau das macht eine Beziehung, eine Liebe doch aus und es macht sie vor allem spannend.

Ich entdecke Dich jeden Tag neu und mich in dieser Liebe selbst.

Das Schlimmste haben wir überstanden und auch wenn diese Zerreissprobe mehr als nur an unseren Nerven zerrte, so sind wir am Ende doch die strahlenden Sieger.

Während sich mein Leben in der Schweiz dem Ende neigt, meine Möbel neue Besitzer finden und mich der Zug Woche um Woche zu Dir trägt, entsteht am anderen Ende meines derzeitigen Daseins, ein gemeinsames Zuhause.

Möbel wurden gekauft, Wände gestrichen, Bücher eingeräumt und gemeinsame Pläne geschmiedet.

Jetzt endlich kämpft sich das Licht einen Weg durch den endlos erschienenen Tunnel und kitzelt unsere Gesichter.

Unsere Ausdauer hat sich gelohnt und auch ich sehe endlich, dass wir uns auf der Zielgeraden befinden. Dass es nur noch wenige Schritte sind, bis wir endlich und hoffentlich für immer, Seite an Seite durch unser gemeinsames Leben gehen.

Ich danke Dir für Deine Geduld, Deine Stärke und Deine Ausdauer. Dafür, dass Du mich gehalten und beruhigt hast. Dass Du mir den Kopf gewaschen und mich vor den Spiegel gezerrt hast. Ich danke Dir für Deine Liebe und für Dich. Am meisten aber danke ich Dir dafür, dass Du Dich nicht beeindrucken und verbiegen lässt. Dafür, dass Du stets Du geblieben bist, auch wenn das manchmal hieß, mir ein wenig weh zu tun.

Mit Dir kam die Liebe in mein Leben und das Leben selbst.

Danke für Dich.

Ich liebe Dich!

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