sterbebegleitung

Oh ja. Ich weiß, wie abschreckend und bedrückend dieser Titel klingen mag, aber es gibt kein Wort, das auch nur annähernd auszudrücken vermag, was da mit mir, meiner Liebe und meinem Herzen geschieht. 

Genauer betrachtet hat Sterbebegleitung ja auch etwas Gutes. Etwas Befreiendes. Erlösendes. In meinem speziellen Fall jedoch bin ich nur selten in der Lage, dem Ganzen etwas Positives abzuringen, auch wenn sowohl die Erfahrung als auch jeder Kalender mit Sprüchen der Küchenpsychologie mich gelehrt hat, dass schlussendlich nichts ohne Grund geschieht, auch wenn sich der Sinn meist erst sehr spät offenbart.

Die vergangenen knapp vier Jahre haben mein Leben so gehörig auf den Kopf gestellt und mir Entscheidungen abverlangt, von denen ich weder wusste, ob ich sie treffen noch ob ich deren Konsequenzen (er)tragen kann. Ich habe unfreiwillig Mut bewiesen und bin über mich selbst hinausgewachsen. Ich habe mich beruflich neu erfunden und mir mein eigenes kleines Königreich geschaffen. Ich habe meine panische Angst vor dem Autofahren bei den Hörnern gepackt, meinen Führerschein und anschließend die Straßen Deutschlands und der Schweiz unsicher gemacht.

All das war jedoch nur möglich, weil da eine wunderbare Frau an meiner Seite war, die mich an das Wunder der großen Liebe glauben ließ. Diese Liebe ließ mich ungeahnte Kräfte entfalten und neue Perspektiven einnehmen. Mein Horizont dehnte und weitete sich mit jedem Tag ein bisschen mehr und so war meine kleine Welt schon nach sehr kurzer Zeit gar nicht mehr so klein.

Ich nahm die Hürden meines neuen Lebens mit links und stellte mich auch den Schwierigkeiten wacker in den Weg. Ich schien unverwundbar. Ich erlebte einen wahren Höhenrausch und glitt von einem Erfolg zum nächsten.

Leider ist die Luft, je höher man steigt, immer dünner und wir alle wissen, dass akuter und permanenter Sauerstoffmangel unsere Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt und die Dimensionen unseres Denkens klar begrenzt. Ich habe so lange dünne Luft geatmet, dass mir erst auffiel, was um mich herum geschah als es schon zu spät war.

Aber was haben wir doch für großartige Schutzmechanismen in uns, die den Aufprall abfangen oder die unsere Wahrnehmung derart verschieben, dass uns gar nicht ins Bewusstsein dringt, was um uns herum und mit uns geschieht.

Und so liege ich heute, fast auf den Tag genau 7 Monate später, in der Schweiz im Bett meiner alten Wohnung, Jonsi im Ohr, Tränen in den Augen und versuche zu begreifen, was passiert ist.

So viele Gedankenwellen sind über die Ufer getreten und gegen die Kaimauer geschwappt. So viele Wirbelstürme haben versucht, meinen Kopf freizupusten. So viele Erdbeben haben meine Welt erschüttert und doch hat mein kleines Herz sich an das einzige geklammert, an das es zu glauben bereit war: die eine große Liebe, die es ganz tief im Inneren berührt und für immer von Grund auf verändert hat.

Mein Verstand wirft sich vor mich auf die Knie, fleht und bettelt, dass ich endlich verstehe, begreife, aufwache. Voller Verzweiflung versucht er mich daran zu erinnern, dass ich auch jenseits dieser Liebe existiere. Existieren kann. Existieren muss. Er fleht mich an, loszulassen. Bittet mich, meinen Namen abzulegen, um zu mir selbst zurückzukehren. Er liefert mir alle Argumente auf dem Silbertablett und hält dem Blick meiner fragenden, verständnislosen Augen stand. Er wird nicht weggehen. Er wird sich nicht abschütteln lassen. Nicht mehr. Nicht noch einmal.

Ein paar Mal hat er sich hinreißen lassen. Hat mir und meinen Beteuerungen Glauben geschenkt. Hat darauf vertraut, dass DU tatsächlich etwas begriffen hast und endlich handeln wirst. Aber nachdem er, lange vor mir, begriffen hat, dass Du Dich und uns längst verloren und aufgegeben hast, hat er sich meinen Erklärungs- und Überzeugungsversuchen entzogen.

Es ist ihm egal, wie sehr ich ihm beteuere, dass unsere Liebe etwas Besonderes ist. Dass sie stärker ist als alles andere, was wir je zuvor erlebt und empfunden haben. Auch wenn er seine Ohren auf Durchzug gestellt zu haben scheint, komme ich jeden Tag auf’s Neue zu ihm und versuche, ihn zu umgarnen. Aber er ist unbeirrbar und ja, er hat recht.

Noch während sich die Worte vor meinem inneren Auge Buchstabe für Buchstabe zusammensetzen, weiß ich, dass er recht hat. Dass er die ganze Zeit Recht hatte. Er wusste schon, was Du mit mir machst, während ich noch ahnungslos durch das taumelte, was ich mein Leben nannte.

Mein Verstand hat sich jeglicher Tricks bedient, um mein Herz in die Wirklichkeit zu holen. Er hat sich hinterrücks angeschlichen und versucht, es mit den nackten Tatsachen zu überraschen und so kaltblütig mit der Wahrheit zu konfrontieren, dass es gar nicht anders könnte als klirrend zu zerbrechen und in winzige Einzelteile auf den Boden zu fallen.

Mein Verstand hatte etliche Unterstützer, die monatelang mit schmerzverzerrten Gesichtern an seiner Seite standen und mit ansehen mussten, wie ich mir immer und immer wieder wehtun ließ. Von meiner Hoffnung, aber vor allem von Dir. Viele von ihnen haben mir am Anfang noch glauben können als ich ihnen versicherte, dass wir beide diesen Cut brauchen, um neu anfangen zu können.

Doch sie ahnten bereits, was Du offensichtlich hinter meinem Rücken triebst, bevor ich auch nur ansatzweise bereit gewesen wäre, so etwas für möglich zu halten.

Ich habe Dir so sehr vertraut. Habe Dich so sehr geliebt, dass ich nicht eine Sekunde gezweifelt habe, während Du mir das Schlimmste angetan hast, was man einem Menschen antun kann.

Doch irgendwann kam der Moment, in dem ich begonnen habe, zu sehen. Vermutlich konnte ich das nur, weil mich jemand an die Hand genommen und aus Deinem Dunstkreis gezogen hat. Aus der Entfernung habe ich gesehen, was Du tust und als Du bemerkt hast, dass ich nicht mehr da, sondern auf meinem Weg weg von Dir und uns bin, hast Du mir alles gestanden. Ich weiß bis heute nicht warum. Du hast geweint, mir Deine Liebe beteuert und mir immer und immer wieder gesagt, dass Du Dir Dein Leben nur mit mir vorstellen kannst.

Ich bin trotzdem gegangen. Weit weg von Dir. Physisch und psychisch. Aber vor allem emotional. Du hast nicht locker gelassen und mich mit einer Mischung aus neuen Verletzungen und einer schier unerschütterlichen Liebe mürbe gemacht.

Die Hand, die mich in den sicheren Hafen der Distanz geführt hat, habe ich abgeschüttelt. Ich habe Dir geglaubt und Dir vertraut und so stürzte ich sehenden Auges in mein Unglück. Denn in dem Moment, in dem Du begriffen hast, dass ich mich Dir wieder annähere, hast Du die Flucht ergriffen, aber nicht um mir aus sicherer Entfernung immer wieder zielsicher glühende Klingen ins Herz zu stoßen.

Seit sieben Monaten spielst Du mit unserer Liebe. Mit diesem großen, einmaligen Geschenk, das uns so sehr erfüllt hat. Du verrätst alles, was uns je verbunden hat und gibst sie und mich der Lächerlichkeit und dem Spott preis.

Was immer Du brauchst, nimmst Du Dir von mir. Aber nicht ohne immer wieder zu betonen, dass Du keine Entscheidung treffen, Dich nicht zu uns bekennen kannst.

Es ist jedes Mal wie ein kleiner Tod, den ich sterbe. Mein Herz splittert jedes Mal ein bisschen mehr und ich spüre wie es porös in meinem Brustkorb liegt und wie es sich bei jeder Bewegung mehr und mehr auflöst.

Es hat schon lange seine gesunde, kräftige Farbe verloren. Es pocht nur noch verhalten und gerade so oft, um meinen Körper am Leben zu erhalten.

Ich hätte damit leben können, dass wir uns trennen, weil wir einfach zu unachtsam im Alltag waren und vergessen haben, dass man eine Liebe umsorgen und pflegen muss.

Ich hätte damit leben können, dass Du aufbegehrst, Bestätigung in der Affäre mit einer anderen Frau suchst, während Du mir zeitgleich sagst, dass wir einen Neuanfang bekommen werden, Du aber gerade einfach nur Zeit für Dich brauchst.

Ich hätte damit leben können, dass andere Menschen mehr Raum einnehmen in Deinem Leben und Du mehr ausgehst.

Womit ich aber weder leben kann noch will, ist Deine Unaufrichtigkeit. Dein Unvermögen, Farbe zu bekennen und Entscheidungen zu treffen.

Du willst alles und nichts. Aber vor allem bist Du weder bereit noch in der Lage, etwas für mich, uns und unsere Liebe zu tun.

Du willst Deine neue Freiheit, Dein großartiges Leben genießen.

Aber ich soll und darf das nicht. Auch wenn Du immer ganz selbstlos sagst, dass ich leben und glücklich sein soll – Du willst es nicht und hast das genau aus diesem Grund im letzten halben Jahr verhindert.

Dir wäre es am liebsten, ich würde die Pausetaste drücken bis Du Dich ausgetobt, Deine verfrühte Midlifecrisis überwunden und endlich erkannt hast, was Du wirklich für Dich und Dein Leben willst.

Du verlierst Dich in Zukunftsvisionen und etwaigen Möglichkeiten, die doch nie Wirklichkeit werden.

Du fehlst mir jeden Tag und ich liebe Dich mehr als ich je zuvor einen Menschen geliebt habe. Mein kleiner Jim Bob.

Aber ich kann nicht mehr zulassen, dass Du mich verletzt und ich nichts weiter bin als der Sterbebegleiter meines Herzens, meines Lebens und meines ICHs.

Da gibt es eine kleine Stimme in mir, deren leises Flüstern ich lange Zeit überhört habe, aber jetzt, nachdem der Sturm sich allmählich zu legen scheint, verstehe ich mehr und mehr, was sie mir zu sagen versucht.

Du hattest Deine Chance. Mehr als eine. Du wolltest sie alle nicht. Du wolltest mich nicht. Du wolltest uns nicht.

Der Preis, den Du für das zahlst, was Du für Dein Leben hältst, ist hoch. Vermutlich zu hoch als dass Du ihn jemals wirst ganz zahlen können, aber Du hast Deine Entscheidung getroffen und ich wünsche Dir von Herzen, dass es für Dich die richtige war und dass Du nicht eines Tages bereuen wirst, was Du Dir und uns angetan hast.

Mir vorzustellen, ein Leben ohne Dich zu verbringen, lässt mich noch immer schaudern, aber tief in mir weiß ich, dass alles andere Selbstmord wäre.

Es wäre grob fahrlässig mir selbst gegenüber, Deinen Hoffnungen weiterhin Glauben zu schenken.

Ich habe mich bereits innerhalb unserer Beziehung verloren und aufgegeben. Das darf und wird kein zweites Mal passieren.

Ich habe keine Ahnung, wohin mich mein Weg führen wird. Wo, wie und mit wem ich mal leben werde.

Aber eines weiß ich ganz sicher: ich WERDE leben. Wenn auch nie wieder als John Boy…

 

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