eroberung.

Da bin ich wieder. Zurück in der Schweiz. Meiner Heimat, auch wenn ich hier nicht das Licht der Welt erblickt habe. Zumindest nicht zum ersten Mal, aber vielleicht habe ich hier die Welt das erste Mal wirklich wahrgenommen.

Drei Jahre war ich weg. Geleitet vom Glauben an die große Liebe und dem Traum eines gemeinsamen Lebens. Es sollte nicht sein. Die Liebe schon, aber das gemeinsame Leben nicht. Bin ich verbittert? Nein. Trauere ich? Auf jeden Fall. Diese Liebe, die mir da vor knapp vier Jahren begegnet ist, war das größte, was mir je widerfahren ist und Dank ihr habe ich unheimlich viel lernen dürfen – über die Liebe selbst, das Leben und vor allem über mich.

Ich bin an meine Grenzen gekommen und habe, wenn auch erst im Nachhinein, erkannt wo meine größten Schwächen sind. Im Strudel der Ereignisse und des Lebens verliert man ja leicht den Überblick und ehe man sich versieht, befindet man sich in schädlichen Routinen und jenseits dessen, was man sich einmal gewünscht und erträumt hat.

Wir haben das Ende nicht kommen sehen oder wir wollten es nicht. Es ist müßig, jemandem die Schuld daran geben zu wollen, auch wenn es das vermeintlich leichter macht und ja, auch ich habe die Verantwortung zunächst weit von mir gewiesen. Letztendlich hat die Zeit aber nicht primär dazu beigetragen, dass die Wunden heilen, sondern meinen Blick geklärt.

Als ich den Punkt hinter mir lassen konnte, an dem ich mich stets nur als Opfer empfunden habe, konnte ich nach und nach erkennen, wo meine Anteile lagen und liegen. Natürlich war ich immer wieder konsterniert, wenn auf meine Einsichten keine Erkenntnis meiner ehemaligen Partnerin folgten. Noch immer erwartete ich etwas. Zuviel vielleicht.

Es hat lange gedauert bis ich lernen und voranschreiten konnte ohne etwas von ihr zu erwarten. Ein jeder hat sein eigenes Tempo und seine eigenen Strategien mit einer Liebe, einer (gescheiterten) Beziehung und dem Verlust umzugehen. Zu akzeptieren, dass wir uns hier fundamental unterscheiden und nicht die gleiche Sprache sprechen, hat mich die meiste Kraft und den größten Mut gekostet.

Dieses Innehalten, Annehmen und Überwinden war der höchste Berg, den ich zu erklimmen hatte. Vor allem, weil ich zu Extremen neige und von den Schuldzuweisungen nahtlos zur Selbstanklage überging. Die Erkenntnis, dass es weder das eine noch das andere braucht, kam nur sehr langsam und nahezu schleichend.

Wir haben beide Fehler gemacht. Waren unaufmerksam – uns selbst und einander gegenüber. Wir haben versäumt, eine gemeinsame Sprache zu erlernen und, aus welchen Gründen auch immer, zu selten das aufrichtige Gespräch gescheut. Am Ende waren wir beide nicht mehr glücklich und hofften wohl, dass unsere unendliche Liebe dies dennoch überleben wird.

Das hat sie auch. Wir lieben uns. Immer noch. Immer wieder. Und ja, vielleicht für immer. Aber diese Liebe ist nicht länger die Grundlage eines gemeinsamen Lebens. Denn dazu gehört viel mehr als sich zu lieben. Früher habe ich immer geglaubt, dass alles gelingen kann, wenn man sich nur genug liebt. Das war eine romantische Vorstellung, vielleicht sogar Verklärung. Liebe allein reicht nicht aus. Nicht wenn man ein erfülltes und glückliches Leben führen möchte. Es braucht so viele Komponenten und ich bin mir sicher, dass ich nur einen Bruchteil von ihnen kenne.

Wir haben vieles geteilt. Unsere wirklich aussergewöhnliche Liebe, einige unserer Grundwerte und Interessen, die wir im Laufe der Jahre gemeinsam entdeckt haben. Eine gemeinsame Sprache haben wir leider bis zuletzt nicht erlernt. Unabhängig davon, dass ich dazu neige, zu viel zu sprechen und sie am liebsten gar nicht, haben uns die Worte gefehlt, um uns einander verständlich zu machen.

Gesellschaftliche Konventionen und Vorstellungen, die unseren eigenen Gedanken entsprangen, haben verhindert, dass wir uns auf das konzentrieren, was wirklich zählt: auf uns und das, was uns glücklich macht!

Zehn Monate sind inzwischen vergangen und sie waren eine Achterbahn der Gefühle. Oh ja, dieser Begriff fällt sehr oft in diesem Zusammenhang, aber er trifft es auch wie kein anderer. Ich kann kaum noch zählen wie oft ich von oben auf die Szenerie herabblickte, ihre Nähe und Zuversicht genoss, um im nächsten Moment rasant den Berg hinab zu rasen und mich in einer Tiefe wiederzufinden, die mir bis dahin vollkommen unbekannt war. Wir drehten gemeinsame Loopings, einsame Runden und konnten einander einfach nicht loslassen.

Die Entscheidung, ein absolut neues und unabhängiges Leben zu beginnen, ist eher intuitiv entstanden und hat mich am Ende doch selbst überrascht. Es war keine Entscheidung gegen sie, die ich nach wie vor als die Liebe meines Lebens bezeichnen würde. Es war eine Entscheidung für mich. Für mein Leben. Mein Glück.

Ich habe sie scheinbar so nebenbei getroffen, dass mir erst jetzt, nach und nach, bewusst wird, was ich da eigentlich initiiert habe.

Lange habe ich alle Jobanfragen ignoriert – egal ob sie aus Deutschland oder der Schweiz kamen. Ich sah mich ausser Stande, schon wieder und noch einmal von vorne anzufangen. Zu sehr liebte ich mein neues, kleines Zuhause, meinen Job und mein Umfeld. Und ja – ich hatte Angst. Angst, den letzten Funken Hoffnung auf Wiedervereinigung zu zerstören. Ich konnte und wollte den Glauben daran nicht aufgeben, dass wir zusammengehören und einen Weg finden werden. Egal wie lautstark mir die Realität ins Gesicht schrie. Ich war taub für ihre Argumente. Konnte es weder erkennen noch spüren. Ich WOLLTE es nicht.

Dann kam wieder ein Jobangebot und es war sicher nicht das lukrativste von allen, aber mit ihm machte sich ein Gefühl in mir breit: Gewissheit! Ich wusste, dass ich es annehmen würde und musste. Es fühlte sich vom ersten Moment an richtig an und so entschied ich innerhalb weniger Tage, mein Leben noch einmal aufzugeben und neu zu beginnen. Ein, zwei Mal überkamen mich Zweifel und Ängste, ob ich das Richtige tat. Aber das Grundgefühl war immer positiv und so fing ich an, alles Notwendige in die Wege zu leiten.

All das ging so schnell, dass ich gar nicht realisierte, was da geschieht und urplötzlich stand ich in der Schweiz und bezog mein Domizil auf Zeit. Ich hatte meinen ersten Arbeitstag, traf meine alten Freundinnen und nahm meine alte, neue Heimat in mich auf.

Ehe ich mich versah, legte sich eine Grundruhe über mich. Ich atmete tiefer und entspannte mich. Ich wurde ruhiger und klarer. Ganz langsam begann ich, mich wieder selbst wahrzunehmen und zu spüren. Ich eroberte mir mein Leben und mein selbst zurück. Ich erobere es jeden Tag ein Stückchen mehr. Ich finde mich wieder und entdecke mich neu. Mir wird bewusst, wie sehr ich mich verloren, vergessen und verraten habe und muss mir eingestehen, dass mich nie jemand dazu gezwungen hat. Es war meine eigene Entscheidung, wenn vielleicht auch keine bewusste. Dieser Umstand macht es ungleich schwerer, denn sich selbst zu verändern, ist anstrengend. Aber ich bin davon überzeugt, dass es die Anstrengung wert ist.

Seit knapp vier Wochen tanke ich neue Kraft und genau diese Kraft nutze ich für die Arbeit an und die Auseinandersetzung mit mir. Aber vor allem söhne ich mich aus. Mit mir. Mit uns.

Es tut noch immer weh. Immer mal wieder und ja, der Trauerprozess, der so lange warten musste, darf jetzt langsam beginnen. Der Abschied fand in Etappen statt und vor uns liegt die letzte und zugleich größte. Aber inzwischen scheue ich sie nicht mehr sondern betrachte sie als ein ganz großes Geschenk.

Ich bin froh und dankbar, dass das tiefe Gefühl in uns stärker ist als der Ärger, die Enttäuschung und der Schmerz. Die Zeit hat uns die Möglichkeit geschenkt, einander wohlwollend zu begegnen und zu akzeptieren, dass sich unsere Wege trennen müssen. Natürlich ist da noch immer ein Teil, der sich wünscht, dass wieder alles gut wird, aber der größere Teil weiß, dass es jetzt an der Zeit ist, wirklich Abschied zu nehmen und das, was wir hatten, in Ehren zu halten. Uns an all das Schöne aber auch Schwere zu erinnern. Die Lehren zu nutzen, die wir aus dieser langen Zeit ziehen konnten.

Nach fast einem Jahr habe ich die Kraft und den Mut gefunden, mich noch einmal einer großen Herausforderung zu stellen und mich neu kennen zu lernen. Ich weiß, wie viel Glück dazugehört, welch große Chance mir hier geboten wird, denn seit meinem ersten Tag in der Schweiz fügt sich alles ganz wunderbar zusammen.

Meine Arbeit ist toll. Das Team großartig. Ich spüre, dass ich am richtigen Ort bin und genau das Richtige mache. Meine Übergangslösung ist inzwischen weit mehr als das – sie ist ein Stück Familie in der neuen Fremde und ist ein sehr fester Bestandteil in meinem neuen Leben. Zu meinen wunderbaren Freunden, die auch in den drei Jahren Abwesenheit Freunde geblieben sind, bevölkern neue Menschen mein Leben, die ein ungeheures Potential in sich tragen, neue Freunde zu werden.

Ich scheine in jedem Moment den richtigen Menschen zu begegnen und treffe jeden Tags auf’s Neue Entscheidungen ganz für mich allein und für mein Leben, das mir jeden Tag besser gefällt.

Es fehlt mir an nichts und ich bin zufrieden und vielleicht auch ein bisschen verliebt – in mein neues Leben!

Ob ich mir je wünsche, die Zeit zurück zu drehen und unserer Liebe an der richtigen Stelle noch eine Chance zu geben? Definitiv!!!

Ob ich je bereut habe, für diese Frau und unsere Liebe mein Leben hier aufgegeben zu haben? Nicht ein einziges Mal.

Diese Liebe, diese Beziehung haben mich reifer gemacht. Weitsichtiger. Vielschichtiger. Und sie hat vieles überhaupt erst möglich gemacht.

Ich bin dankbar für jeden einzelnen Tag. Für jede Berührung, jedes Wort, jeden Streit, jedes Lachen, jede Grenze, jeden Gipfel und jedes Tal, das wir gemeinsam durchschritten haben.

Du hast mich verändert und tief in meinem Inneren berührt. Ich danke Dir für jede einzelne Sekunde der letzten vier Jahre!

Ich trage Dich in meinem Herzen und ich liebe Dich, Jim Bob!

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