verloren.

Es ist schon komisch, wie sehr der Mensch in der Lage ist, das Offensichtliche zu verdrängen. Unfassbar wie gut ich das zu beherrschen scheine. Meine Entscheidung, wieder in der Schweiz zu leben, habe ich quasi nebenbei getroffen. Aus einem Gefühl heraus. Ohne groß darüber nachzudenken.
Sobald die Entscheidung getroffen war, hatte ich alle Hände voll damit zu tun, meinen Umzug zu organisieren und eine neue Wohnung zu finden. Ich habe also alles getan, mich aber nicht eine Sekunde damit befasst, was dieser Schritt für mich und mein Leben bedeuten könnte.

Die Vorfreude war so groß und die Aufregung natürlich auch. Die ersten fünf Wochen waren dann einfach nur schön. Ich hatte ein tolles Zuhause auf Zeit und durfte wieder Zeit mit meinen alten Freunden verbringen. Zudem habe ich neue Menschen kennengelernt, die in Zukunft ebenfalls Freunde werden könnten. Ich fühlte mich zuhause und war zu jedem einzelnen Augenblick davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Mitte Juli war es dann soweit. Die letzten Kisten wurden gepackt und mein gesamtes Hab und Gut wurde in einen Transporter verladen und fuhr Richtung Schweiz. Die Verabschiedungen ließen mich ahnen, dass emotional noch einiges auf mich zukommen würde, aber so ein Umzug bringt in erster Linie sehr viel Arbeit mit sich und genau so war es am Ende auch.

Wir haben das komplette Wochenende auf, ein und umgeräumt. Kartons geleert und Bilder montiert. Am Abend lagen wir unendlich erschöpft im Bett und wollten nichts mehr außer schlafen.

Dann kam der Moment des Abschieds. Der Mensch, der vier Jahre lang der wichtigste in meinem Leben war, verließ mich gen Deutschland und ließ mich in meinem neuen Zuhause zurück.

Meine Wohnung ist ein Traum. Wunderschön. Groß und genau das, was ich mir immer erträumt habe. Aber sie ist eben auch leer. Sie muss mit Leben und Erinnerungen gefüllt werden. Mit mir.

Doch nun galt es erst einmal, die Leere auszuhalten. Die endgültige Trennung zu akzeptieren und zu realisieren, dass nun ein neues Leben beginnt. All das hat aber erst einmal für ein Gefühl der Bodenlosigkeit gesorgt. Denn auf einmal hatte ich nichts mehr zu tun. Nichts mehr zu planen und zu organisieren und vor allem hatte ich keine Wohnung mehr in Deutschland, in die ich zurückkehren konnte.

Ich konnte nicht mehr flüchten. Mein neues Leben wurde Wirklichkeit und auf einmal erschlug mich die Tragweite all dessen und ich fühlte mich verloren in all den Möglichkeiten, die nun vor mir lagen.

Es dauerte fast zwei Wochen bis ich die Augen öffnen konnte für das Schöne, das mich umgab. Diese wundervolle Wohnung und all der Raum, der sich mir bot. Ganz langsam konnte ich mich über mein neues Leben freuen und darauf vertrauen, dass die Entscheidung nach wie vor die richtige war.

Nun begann ich, wenn auch nur zögerlich, zu leben. Einen Schritt nach dem anderen zu machen. Ich erkundete mein Umfeld und lud den ersten Gast in mein neues Heim ein und ganz allmählich wird diese Wohnung wirklich mein Zuhause.

Doch meine Brücken nach Deutschland haben noch immer Bestand. Wenn sie auch bröckeln und nicht mehr ganz so tragfähig sind. Vermutlich müssen sie komplett einstürzen und es bleibt abzuwarten, ob und wie sie wieder zu errichten sind.

Meine Freundschaften werden Bestand haben und meine zweite Familie werde ich auch pflegen. So fern das möglich und erwünscht ist.

Alles andere muss zur Ruhe kommen damit ich mich endlich auf mich und die Schweiz konzentrieren kann.

Es ist schwieriger als gedacht, aber seit ein paar Tagen spüre ich, dass ich neben meinem Kopf endlich auch mein Herz für dieses Land öffne, das seit jeher meine Heimat ist. Ich fasse wieder Vertrauen in mich und meine Entscheidungen und eine sehr leise Stimme, tief in meinem Inneren, raunt mir zu, dass alles gut wird und ich wieder glücklich sein werde und ich ertappe mich dabei, dieser Stimme Glauben zu schenken.

Das Leben ist ein verrücktes und unvorhersehbar. Zum Glück. Ich bin gespannt, was es noch für mich bereit hält, aber ich bin unsagbar froh, dass es hier in der Schweiz stattfindet und dass ich so großartige Menschen um mich herum habe, die mich dabei begleiten und unterstützen.

Ja. Ich fühlte mich verloren. Aber inzwischen justiert sich mein Kompass und ich bin mir sicher, wieder zurückzufinden. Zu mir und zu meinem Glück.

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