zu viele orgasmen?

Das Herz ist ein grossartiges Organ. Es lässt mich immer wieder staunend in meinem Leben zurück. Mit offenem Mund starre ich dann vor mich hin, traue meinen Augen nicht und registriere beinah fassungslos, was mein Herz zu leisten vermag. Wie viel es fühlen kann. Wie intensiv es mich erleben lässt. Wie sehr es sich immer wieder öffnet. Wie widerstandsfähig es ist und welch starken Überlebenswillen es hat.

Was auch immer ich meinem Herzen schon zugemutet habe – positiv wie negativ – es schlägt immer munter weiter. Manchmal etwas leiser und weniger kraftvoll, aber es pocht immer sanft in meinem Brustkorb bis es wieder genug Kraft gesammelt hat, um lautstark drauf los zu schlagen.

Allein dafür schätze und liebe ich mein Herz, dessen Grösse mich stets überrascht. Wofür ich allerdings am dankbarsten bin, ist die Fähigkeit meines Herzens, Herzorgasmen zu erleben. Unabhängig davon, ob mich ein Lied berührt, ein Buch, ein Film, das Zwitschern eines Vogels oder das Erleben der Liebe – mein Herz kann, aus dem Nichts heraus, Emotionen empfinden und durchleben, die sich jeder Beschreibung entziehen.

Ich habe versucht, Worte dafür zu finden aber es ist mir nicht gelungen. Und das, obwohl ich sonst doch nie um Worte verlegen bin…Das einzige, was stets gepasst hat, war ein Wort: Herzorgasmus!

In jüngster Zeit jedoch hinterfrage ich mich, mein Herz und meine Fähigkeit zu Herzorgasmen. Habe ich meinem Herz zu viele Herzorgasmen zugemutet und abverlangt? Hatte ich zu viele Herzorgasmen und muss nun ohne sie durch mein Leben gehen?

Die Vorstellung allein, macht mir schon ein wenig Angst. Denn seit meinem ersten Herzorgasmus kann ich nicht genug davon bekommen. Doch mein Herz verweigert sich. Beständig. Es scheint sich eingemauert zu haben und reagiert nicht auf meinen lieblichen Singsang, sich doch mal wieder blicken zu lassen und zu öffnen.

Ich glaube, mein Herz braucht Urlaub. Ausserdem hat es mich wissen lassen, dass nun der Moment gekommen ist, einmal Zeit mit mir allein zu verbringen. Schluss mit Ablenkungen durch andere Menschen.

Ich weiss, worauf es hinaus will. Es will mich fokussieren. Es nimmt mein Gesicht in seine Hände und richtet meinen Blick auf das, was war. Auf das, was es am meisten verletzt hat und es noch heute leiden lässt. Ich versuche meinen Kopf aus dem festen Griff zu winden und presse meine Augen zusammen, doch mein Herz ist unerbittlich. Es gibt kein Entrinnen. Ich MUSS dahin schauen. Ein letztes Mal zurück blicken und erkennen, was da passiert ist.


Mich sowohl an all das Schöne als auch Schmerzhafte erinnern. Wertschätzen, was wir (mein Herz und ich) da jahrelang (er)leben durften. Mich erfreuen an den schönen Bildern, die vor meinen inneren und äusseren Augen vorbeiziehen.

Es ist aber auch an der Zeit, zu erkennen, warum wir heute an diesem Punkt stehen, an dem wir uns befinden. Warum ich hier lebe und sie in Deutschland. Warum aus John Boy und Jim Bob zwei ganz normale Frauen wurden, die wieder ihre ursprünglichen Namen angenommen haben.

Es wird Zeit, endlich die Augen zu öffnen und richtig hinzuschauen!

Und wenn ich endlich den Mut habe, genau hinzusehen und zu erkennen, was da mit uns passiert ist und dass es einfach Dinge gibt, die nicht zu ändern sind sondern einfach akzeptiert werden wollen, lässt der latente, pochende Schmerz tief in meinem Herzen vielleicht endlich nach.

Vermutlich habe ich zu lange mit alldem gewartet. Vermutlich tut es deshalb umso mehr weh. Doch wieso, weshalb und warum – jetzt ist die Zeit. Die Zeit, um Abschied zu nehmen. Noch einmal alles zu durchleben – gedanklich, emotional und in Bildern.

Ich schwanke zwischen Freude und Trauer…Es ist nicht immer angenehm und zur Zeit bin ich vor allem traurig. Aber auch dankbar. Dankbar für das, was mir zuteil wurde. Dankbar für mein Herz, das sich trotz aller Widrigkeiten immer wieder geöffnet hat für die Schönheiten des Lebens.

Ich bin mir sicher – sobald es sich erholt und die Zeit bekommen hat, die es braucht, wird es seine Fenster zur Welt putzen und langsam öffnen. Anfangs vielleicht nur einen Spalt breit, aber irgendwann wird der Wind des Lebens dieses Fenster aufstossen und so die Pracht des Herzorgasmus zurück bringen…

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2 thoughts on “zu viele orgasmen?

  1. Gefühle sind letzten Endes nur Vorgänge von Botenstoffen die von Zeit zu Zeit meinen den menschlichen Hormon bzw. Gefühlhaushalt aufmischen zu müssen.
    Und darauf reagiert ein Herz mit all seinen tollen Funktionen, es reagiert auf die Steuerung des Kopfes.
    So schaut es total nüchtern betrachtet aus, die Realität ist eine weitaus breitgefächerte sobald man selbst im Haushalt von Dopamin, Serotonin und Oxytoxin usw. mitschwimmt.

    Wir lieben das Leben, nicht, weil wir ans Leben, sondern ans Lieben gewöhnt sind. Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber auch immer etwas Vernunft im Wahnsinn.«
    Zarathustra

    Ich kann dir nur wünsche woran an ich glaube…Ich glaube daran, dass sich Seelen nicht suchen sondern begegnen. Sie treffen aufeinander um irgendwann ihre Bestimmung zu finden und ihr folgen.

    • Liebe Tina.

      Vielen Dank für Deine Worte und dass Du Dir stets die Zeit nimmst, meine Zeilen zu lesen. Zarathustra ist sehr passend und auch was die Seelen angeht, sind wir definitiv einer Meinung. Es ist nur manchmal der Mernsch, der nicht in der Lage ist, die Seele ihrer Bestimmung zuzuführen, weil er denkt, er wisse es besser…Ich hoffe, dass ich den Menschen, in diesem Falle mich, überlisten kann…

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